Leseprobe aus: Der Todfeind (Roman, 2001, dtv)

Erstes Kapitel: Der Tod des Vaters

»Dein Großvater hat sich umgebracht, Theo. Das kommt bei Geisteswissenschaftlern häufig vor. Und jetzt hat sich dein Vater umgebracht. Wie sind deine Pläne?« fragte Onkel Paul. Theo saß auf seinem Schoß. Er war elf Jahre alt und zu schlaksig, um noch bequem auf dem Schoß des Onkels sitzen zu können, aber es war ihm gleich, und die Wärme der Lehne aus Oberkörper und Armen beruhigte ihn.
»Sei nicht so zynisch mit dem Kind, Paul«, sagte Tante Agnes leise. »Der Junge hat viel mitgemacht. Er versteht das nicht.«

»Er soll Selbstmörder nicht verstehen«, sagte Onkel Paul. Er wippte mit den Füßen, so daß Theo auf seinem Schoß hopste. Onkel Paul schloß die Arme um Theo, und Theo hörte das Herz des Onkels und war in den Armen und der Wärme. Sie saßen im Wohnzimmer, Onkel Paul und Tante Agnes, Mutter, Theos Schwester Silvia, Kollegen des Toten, Freunde der Familie, Großmutter in einer Ecke des Ohrensessels. Auf dem Tisch standen Kaffeekannen, Porzellanschalen mit Gebäck und vorgewärmte Teller mit Gemüsetörtchen. Im Lichtschein vor den vier Fenstern schwebten Rauchteilchen, die aus den Mündern der Zigarrenraucher quollen. Die Wanduhr tickte über das Gemurmel der Anwesenden hinweg ihren Takt in den Raum. Onkel Paul sah zur Uhr hinauf. Unten von der Straße hörte man eine Straßenbahn rattern.
»Wir müssen bald los«, sagte Onkel Paul, »den alten Heinrich unter die Erde bringen.«

»Himmel, Paul«, sagte Tante Agnes, »wie redest du zur Beerdigung deines Bruders? Denk an die Kinder. Und denk an Elsa.« Theo sah, wie Onkel Paul die Lippen unter dem Schnurrbart verzog, als habe er eine bittere Medizin schlucken müssen. Es war das erste Mal, daß Theo den Onkel böse sah.
»Ich hasse diese ganze Scheiße«, sagte Onkel Paul, und Theo roch seinen bitteren Atem.
»Herrgott, ich weiß es, Paul, aber wir sind hier nicht allein. Reiß dich zusammen. Und hör mit der Sauferei auf.«
»Was haßt du, Onkel?« »Den Tod.«
Onkel Paul zog den Glaspfropfen aus einer Karaffe und goß eine braune Flüssigkeit in seine Kaffeetasse. Er trank mit großen Schlucken, und Theo sah seinen Adamsapfel auf- und abspringen.

»Weißt du übrigens, wie dein Großvater sich umgebracht hat? Er hat sich den Bauch aufgeschnitten. Mit einem Küchenmesser. Das ist eine eher seltene Art, sich umzubringen. Außer bei Japanern.«
»Japaner bringen sich nicht mit Küchenmessern um«, sagte Tante Agnes. »Paul, denk an den Jungen.«
Der Junge ist Theo Mannlicher. Sein Vater mag ja ein As als Mediziner gewesen sein, der Junge soll ein As als Mensch werden. «

Theo sah zu seiner Mutter auf der anderen Seite der Tafel hinüber. Sie hatte den Kopf gesenkt, die Stirn auf ihre Hand gestützt, und aus ihrer Frisur strähnte es dick und schwarz. Ihre Schultern zuckten, und Tränen tropften von ihrem Kinn auf die polierte Tischplatte. Jeder Tropfen fiel in die Lache, die sein Vorgänger gemacht hatte, hüpfte einmal auf und vergrößerte den silbernen See. Wenn sie für einige Sekunden aufsah, kritzelte sie mit einem Bleistift auf die Serviette neben ihrem Kuchenteller. Theo hatte seine Mutter nie weinen sehen. Wenn er jetzt in ihre Augen blickte, war es, als sehe er durch ein Aquarium. Silvia hockte neben ihr am Boden, umarmte die Beine der Mutter und weinte. Theo schmiegte sich an Onkel Pauls Brustmuskeln. Er spürte Pauls Hand auf seinem Haar und hörte ihn murmeln: »Der ganze Scheiß.«

Als sie zum Ohlsdorfer Friedhoffuhren, sah Theo aus dem Horch auf die breiten Straßen und die Häuserfronten hinter den Bäumen und Vorgärten, und die Kanäle, die in der Sonne lagen, waren golden, und die, die im Schatten lagen, waren grün oder grau. Manchmal streckte Theo den Kopf aus dem Fenster, um die Sonne zu sehen. Die Wärme im Gesicht tröstete ihn und ließ ihn für kurze Zeit vergessen, wie naß und rot er im Bett neben Vater aufgewacht war. Er hatte sich den Pyjama vom Leib gerissen und gegen die Wand geschleudert. Der Stoff blieb einen Moment lang haften, bevor er hinabrutschte, die Textiltapete verschmierte und sich als nasses Bündel auf den Dielen ausbreitete.

Auf den Hügeln des Waldfriedhofs standen Bäume und Sträucher windstill in voller Pracht, aber Theo sah auf Wiesen und Wegen auch erste welke Blätter liegen. Grabmale versteckten sich hinter Eichen und Buchen, lagen unter weiten Asten oder im Dunkel des dichten Schattens von Rhododendren.
»Friedhof, Theo, Friedhof«, sagte Onkel Paul im Vorbeigehen. »Als ob der Tod etwas mit Frieden zu tun habe.« Tante Agnes zog Paul am Ärmel weiter, und Paul schlitzte die Augen, ballte eine Faust und lächelte Theo an.
Theo ging allein. Die Mutter hatte nach ihm gerufen, aber er fürchtete sich vor ihr. Immer wieder zerschnitten Schreie ihr Gesicht, es waren Laute mit tiefen Ms und Rs, keine erkennbaren Wörter, Rufe von außerhalb der Sprache, und jedesmal zuckte Theo zusammen. Er hatte beide Hände in den Hosentaschen und sah in die Bäume, und ein alter Mann sagte ihm, das mit den Händen in den Taschen gehöre sich nicht und außerdem solle seine Mutter sich zusammenreißen. Theo streckte ihm die Zunge raus. Ihm war schlecht, und er wollte alles ausspeien, das Blut und die Tränen und die Gesichter der Trauergäste.

In der Kapelle hielt der Pfarrer eine Rede. Auf Onkel Pauls Geheiß hin legte Theo sich die Hände vor die Ohren. Er sah, daß Onkel Paul den Pfarrer angrinste und ein Wort mit den Lippen formte. Die Augen des Pfarrers wurden kleiner und der Mund schmaler. Tränen liefen Theo über die Wangen, und so fest Onkel Pauls Hand auch seine Schulter drückte, es war Onkel Pauls Hand und nicht die des Vaters.
Auf dem Weg zur Grabstätte starrte Theo den Sarg an. Schwarzes Edelholz, eigentlich viel zu teuer für den Tod, hatte Onkel Paul gesagt. Theo versuchte sich vorzustellen, daß sein Vater auf dem Rücken darin lag. Der Vater war ein großer Mann gewesen und Theo befürchtete, daß er sich Kopf und Füße an den Enden des Sarges stieß und vielleicht gekrümmt liegen mußte, um es halbwegs bequem zu haben. Er fragte sich, warum jetzt nicht genug sei mit dieser Quälerei. Konnte sein Papa jetzt nicht aufstehen und aus dem Sarg klettern und endlich alles wieder gut sein?

Neben einem rechteckigen, bitter riechenden Loch auf einem kleinen Hügel war ein Erdhaufen, in dem ein Schippchen steckte. Der Sarg wurde neben dem Loch abgestellt, und der Pfarrer sagte wieder etwas. Mutter weinte laut, sie atmete stoßweise, und ihr Körper wurde so stark geschüttelt, daß sich Strähnen aus dem Dutt lösten. Theo hielt sich die Ohren zu. Er sah seine Mutter an, die verzweifelt gegen etwas anschrie. Sie wurde von Tante Agnes und einem Freund des Vaters gestützt, an ihren Beinen lehnte Silvia.
Viele Frauen weinten, die meisten Männer guckten, als trügen sie Pistolen unter der Achsel, einige schüttelten den Kopf, einer spuckte aus, und das weißliche Geschoß verfehlte knapp eine Wade in schwarzer Strumpfhose.

Theos Herz raste. Er ballte die Fäuste in den Taschen, er hielt die Luft an, hielt sie an, bis ihm die Ohren dröhnten, und dann war ihm, als sei er gar nicht da, Augen zu, Mund auf, als sei er weg in dimensionsloser Schwärze, und dann öffnete er die Augen und schrie. Er schrie, riß sich von Onkel Paul los und trat gegen den Sarg, trat immer wieder, bis der Pfarrer ihn wegriß. Theo begann nach dem Pfarrer zu treten und zu schlagen. Seine Finger wurden feucht, als er ein Auge traf. Der Pfarrer stöhnte, warf den Kopf zurück und schlug die Hände vor das Auge.
Die Beerdigung endete in einem Tumult. Irgendwer gab Theo eine Ohrfeige, die Mutter schrie und ohrfeigte ihrerseits mit voller Wucht den Mann, der Theo geschlagen hatte. Onkel Paul, die Fäuste geballt, machte Schattenboxen, schlug imaginäre Gegner nieder und rief
»Erstklassig. So geht's, was, Agnes?«

»Das darfst du nicht tun, Theo«, sagte der Pfarrer.
Theo beobachtete, wie sich Krümel von Streuselkuchen auf den Lippen des Mannes bewegten. Einer speichelweich auf der Oberlippe und drei auf der fleischigen Unterlippe. Sie waren wieder in der Wohnung, das Hausmädchen hatte Kaffee gekocht, die Dielen knarrten, und der Mann in Schwarz hatte auf die Mutter eingeredet und Silvia die Hand auf den Kopf gelegt. Theos Vater stand rot mit verschränkten Armen in der Ecke bei der Stehlampe und lächelte.
»Ich verstehe, wie traurig du bist« sagte der Pfarrer. Er tupfte sich das Auge mit einem Taschentuch ab.
»Das alles hier macht dich ganz verwirrt. Aber du darfst deinem Vater nicht böse sein. Er hat etwas sehr Schlimmes getan. Er hat sich aufgegeben. Wir alle müssen jetzt inständig für ihn beten, damit Gott ihm verzeiht und er in den Himmel kommt. Ich verüble dir nicht, daß du versucht hast, mich zu hauen, kleiner Mann.«

Theo starrte erst seine Schuhe an und dann in die Augen des Pfarrers.
»Wir müssen alle sterben, Theo«, sagte der Pfarrer und lehnte sich zurück. Er öffnete die Hände, lächelte und atmete tief durch die Nase. »Erst der Tod gibt unserem Dasein auf dieser Welt einen Sinn. Der Tod ist der einzige wirkliche Sinnstifter. Du könntest dir den Sonnenschein auch nicht vorstellen, wenn du die Nacht nicht kenntest, nicht wahr.«
»Doch«, sagte Theo.
»Kleiner Mann, kleiner Mann«, sagte der Pfarrer und wollte Theos Haar zerzausen. Theo zog den Kopf zurück. Onkel Paul setzte sich neben ihn. Er hatte ein bauchiges Glas mit einer braunen Flüssigkeit in der Hand und blickte undeutlich, als könne er keinen Gegenstand mehr klar fixieren, seine Hand nicht, die Tassen und Gläser und Theos Gesicht.

»Auf Seelenfang, Herr Pfarrer?«
Der Mann in Schwarz zog die Brauen zusammen. »Verschonen Sie den Jungen mit Ihrer heidnischen Einstellung, Herr Mannlicher.«
»Verschonen Sie ihn. Im-po-ten-ter Kleingeist.«
Theo sah die Augen des Pfarrers erst weit und dann zu Schlitzen werden. Das rechte Auge tränte jetzt. Onkel Paul hingegen grinste und füllte das Glas auf.
»Was ist im-po-tent, Onkel?«
Der Mann in Schwarz ging hinüber zu Mutter. Vater ging hinter Mutter vorbei und streifte ihren Rücken mit der Hand. Onkel Paul kratzte sich die Bartstoppeln und sah Theo an. Er schielte und wackelte mit dem Glas.
»Das liegt daran«, sagte er. »Im-po-tent?« »Nein, Junge, das Schielen. Alkohol ist eine gute Sache, weißt du. Wenn die Deutschen mehr trinken würden, wären sie nicht so verliebt in Tragödien. Wenn du älter bist, gehen wir mal einen saufen. Du wirst mir schon ein Früchtchen werden.«

Er beugte sich zu Theo und flüsterte: »Ganz im Vertrauen: Ich fand deinen Auftritt heute großartig.«
Theo setzte sich auf Onkel Pauls Schoß. Silvia saß auf Großmutters Schoß im Ohrensessel, und Großmutter stöhnte und ein Speichelfaden verband ihre Unterlippe mit der Strickjacke.
Onkel Paul drückte den nach Schnaps riechenden Mund dicht an Theos Ohr, die Lippen machten das Ohrläppchen feucht. »Niemals sterben, Theo. Niemals, niemals, niemals.« Theo wollte sich über das Ohr wischen, aber Onkel Paul schob seine Hand beiseite und sprach weiter, und das Ohr wurde immer feuchter.
»Der Tod ist ein Haufen Mist. Der Unterschied zwischen deinem Vater und mir war, daß er den Tod achtete. Er war Mediziner, um den Tod zu erforschen und um Leiden zu mildern. Ich bin Mediziner, um den Tod zu töten. Verstehst du, Theo? Um den Tod zu töten.«

Der Onkel schloß Theo fest in die Arme und fuhr fort in seiner Beschwörung.
»Niemals, Theo, niemals. Es gibt keinen Grund zu sterben. Nimm diese Position an, und du wirst gewinnen. Viele Leute werden dich für verrückt halten, aber das macht nichts. Die meisten außergewöhnlichen Leute werden für verrückt gehalten. Das Leben ist das beste, Theo, das allerbeste. Es gibt nichts, was das Leben überragen könnte. Präg dir das ein, mein kleiner Freund. Präg dir das gut ein. Niemals, niemals, niemals.«
Der Mund entfernte sich, Theo rieb sich mit dem Hemdsärmel über das Ohr und sah dem Onkel ins Gesicht. Es war ein fleischiges Gesicht mit hartem Schnurrbart. Die wäßrigen Augen waren in Falten gebettet.
»Wir beide haben bisher zu wenig Zeit miteinander verbracht«, sagte Onkel Paul. »Du bist ein prima Kerl, Theo, das wollte ich dir schon immer gesagt haben.«

Tante Agnes setzte sich zu Theo und Onkel Paul. »Auf Pfaffenjagd, Paul?«
»'türlich.«
»Gut«, sagte sie und küßte ihrem Gatten die Wange.
»Willst du dem Jungen erklären, was impotent bedeutet?« fragte Onkel Paul.
»Wieso ich? Wir Frauen haben damit schließlich keine Probleme. Wie kommt ihr darauf.«
Onkel Paul wies mit dem Kinn auf den Pfarrer. »Der hat euch erzählt, daß er impotent ist?«
Paul lachte. Er verschüttete sein Getränk auf Theos Beine und goß nach. Der Kerl, sagte er, habe jedenfalls seine geistige Impotenz eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Theo ging ins Schlafzimmer seiner Eltern. Das Bett war mit einer blauen Tagesdecke und Zierkissen belegt. Alles Rote war fort. Vater stand auf und verließ den Raum. Wenn Theo jetzt morgens in das Bett krabbeln würde, wäre nur noch Mutters Wärme da, die andere Seite würde kühl bleiben. Seine Eltern hatten nie protestiert, daß er trotz seines Alters in den frühen Morgenstunden noch so oft zu ihnen ins Bett krabbelte. Er roch auf Vaters Seite an der Decke. Frisch gewaschen. Das Bett war zu groß für Mutter allein. Theo legte sich auf Vaters Seite und sah an die Zimmerdecke, wo Stuck um die Halterung des Leuchters roste. Die zugezogenen blauen Vorhänge machten das Zimmer winterlich.

Er rollte sich zusammen und weinte, als er an das Leben mit Vater dachte. Sie hatten am Alsterlaufgeangelt, sie hatten sich jeden Sonntag die Schiffe im Hamburger Hafen angesehen, und Vater hatte von der Größe der Welt erzählt, in der der einzelne so winzig und unwichtig sei. Eines seiner Lieblingsthemen in den letzten Monaten war die Choleraepidemie von I89z gewesen, bei der achttausend Menschen in weniger als zehn Wochen gestorben waren.
»Das hättest du sehen müssen, Theo«, hatte er gesagt, kurz nachgedacht und den Kopf geschüttelt.
»Unsinn, Junge, natürlich hättest du das nicht sehen sollen. Aber die Röntgenabteilung, die ich in St. Georg gegründet habe, die mußt du dir angucken. Wir durchleuchten menschliche Körper. Manchmal, Theo, können wir den Tod sehen, bevor er da ist.«

»Sagt ihr das den Leuten?«
»Dabei kommt es auf die Leute an. Manchen sagen wir es, anderen nicht.«
»Wie sieht der Tod aus?«
»Oh, Theo, das ist schwer zu beschreiben. Als erstes würde ich sagen, daß er klein ist. Der Tod ist sehr klein.«
An den Wochenenden hatte der Vater gekocht, und Theo hatte ihm dabei geholfen. Wenn es Fleisch gab, sagte Vater, wer das essen wolle, der müsse auch töten können. Und dann sah er das Messer an, schien eine Zeit angestrengt nachzudenken, lächelte, zu Theo hinunter und schnitt die Fasern.
Theo spürte, wie sich die Matratze bewegte. Silvia setzte sich aufs Bett.
»Vater kommt in den Himmel, wenn wir alle beten«, sagte sie. Sie reichte Theo ein Taschentuch. Theo stand auf, zog die Vorhänge zurück und sah aus dem Fenster. Der Himmel war blau ' und wolkenlos. Die Häuser auf der anderen Straßenseite strahlten in der Sonne. Viele Fenster standen offen. Aus einem schaute eine junge Frau, sie redete mit einem Mann auf den Straßenbahnschienen und griff sich jedesmal an die Nase, wenn sie lachte.

»Der Tod ist ganz wichtig, Tee«, sagte Silvia.
»Ohne den Tod wäre Mama aber nicht so furchtbar traurig«, sagte Theo. »Und Papa wäre hier.«
Er ging ins Eßzimmer zurück. Großmutter sagte: »Kaffee, Schnaps«, und Onkel Paul taumelte auf sie zu. »Schnaps, Schnaps«, sagte Großmutter. Freunde und Bekannte waren fort, auch der Pfarrer. Mutter hatte ihr Haar gelöst und redete mit Tante Agnes. Es schien ihr besserzugehen, sie weinte nicht, und ihr Gesicht war wieder schmaler. Sie mußte im Bad gewesen sein und sich frisch gemacht haben. Sie hatte einen Bleistift hinterm Ohr. Theo legte ihr die Arme um den Hals.
»Mama, warum?«
»Ich weiß es nicht, Theochen.« So hatte sie ihn schon lange nicht mehr genannt. »Dein Papa muß sehr unglücklich gewesen sein. Aber er hat nie darüber geredet. Das war sein Fehler. Er wollte uns seinen Kummer ersparen. Dabei hätten wir ihm gerne zugehört, was, mein Junge.«
»Mama, was ist im...«
»Laß mal, Theo«, unterbrach Tante Agnes und zupfte Theo am Arm. »Laß mal.«

Bevor er sich tötete, hatte Theos Vater alles für die Auswanderung vorbereitet. Mutter und Onkel Paul staunten über den Papphefter mit den unterzeichneten Formularen der Auswandererbehörde und der Hamburg-Amerika-Linie. In dem Hefter fanden sich Fotos von Schiffen, die von den Landungsbrücken in St. Pauli ablegten, ebenso ein Zeitungsartikel über die unsäglichen hygienischen Zustände in den Auswandererbaracken in Veddel und ein Artikel von Theos Vater, der abstritt, daß die Choleraepidemie von den Auswandererbaracken ausgegangen sei. Onkel Paul zeigte Theo ein Plakat der HAPAG, auf dem ein Ozeandampfer vor der Kulisse Manhattans mit spitzem Bug auf den Betrachter zufuhr. Mein Feld ist die Welt, stand als Motto der HAPAG darunter. Mein Feld ist die Welt, sprach Theo nach, und Onkel Paul gab ihm einen zeitlupenartigen Kinnhaken.

»Er hat das wirklich ernstgemeint«, sagte er. Er trank Bier aus Vaters Humpen, rauchte eine von Vaters Zigarren und zwinkerte Theo hin und wieder zu.
»Amerika, Theo. Dein Vater hat immer behauptet, daß für uns Sozialisten hier in Deutschland kein Platz sei. Von den Erfolgen der achtundvierziger Revolution sei nichts geblieben. Wir Deutsche seien Herdenvieh. Außerdem wettete dein Vater darauf, daß es innerhalb der nächsten Jahre zum Krieg kommt.«
Was Krieg war, wußte Theo. Freunde von ihm spielten mit Bleisoldaten, die in Reih und Glied aufgestellt wurden - mit Trommlern, Fahnenträgern und säbelschwingenden Offizieren vornweg, und am Ende des Spiels lagen die Soldaten alle, bis auf einen oder zwei, die jubelten und von Soldaten aus einer neuen Kiste Orden bekamen. Einen dieser Überlebenden hatte Theo sich vor Wochen heimlich in die Hosentasche gesteckt. Er trug ihn stets bei sich. Sein Soldat hatte als einziger noch gestanden, während etwa fünfzig andere auf dem Teppich bei Beringers gelegen hatten und Mutter Beringer im langen blauen Kleid eine Schale mit Gebäck hereinbrachte und fragte, ob die Jungs schön spielten.

Onkel Paul lehnte sich zurück und sah Theos Mutter an.
»Bis ins Detail. In drei Monaten, Elsa, fährt die ganze Familie nach New York. Die Stelle bei dem Kollegen, die Heinrich antreten wollte, kann ich als sein Assistent übernehmen. Bruderherz hatte das als Eventualität vorweg geklärt. Er hat uns als Team angemeldet, was offensichtlich bei seiner Reputation kein Problem war. Ich bin zwar nicht so ein As wie er, aber immerhin.
Und die Röntgenabteilung ist nicht nur sein Werk. Der verdammte Saukerl.«
»Amerika«, sagte die Mutter. Sie lächelte und klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch.
»Whiskey, Whiskey«, sagte die Großmutter.
»Ja, Mutter, Whiskey, allerdings«, sagte Onkel Paul.
Theo suchte aus dem Bücherregal den Atlas, schlug ihn auf dem Boden des Kinderzimmers auf und betrachtete die Weltkarten. Silvia hockte sich zu ihm und pochte mit dem Zeigefinger auf Amerika.
»Mensch, Tee, wir werden ganz allein sein.«
»Da gibt's Indianer. Und riesige Seen zum Angeln.« »Und Städte und Kirchen aus Holz.«
Theo machte mit dem Zeigefinger Kreise auf der Weltkarte. Wenn er die Hand ganz ausbreitete, umfaßte sie fast die ganze Welt, der kleine Finger lag auf der Westküste Amerikas, der Daumen im Zentrum Chinas.

»Onkel Paul und Tante Agnes kommen auch mit. Und Großmutter Schnapsschnaps. Wir werden Auswanderer sein.«
Silvia lachte.
»Hoffentlich können wir alle Bücher mitnehmen«, sagte Theo.
»Papas 1753 Bücher. Er hat sie jedes Jahr einmal gezählt«, sagte Silvia.
»Wir werden Amerikanisch lernen«, sagte Theo.
»Tante Agnes bringt es uns bei. Sie spricht viele Sprachen. Ich möchte Lehrerin werden, Tee, das kann man in Amerika, sagt Tante Agnes. Ich möchte den Kindern was beibringen.«
Sie gingen in die Wohnstube zurück. Onkel Paul hielt Mutters Hände und ließ sie los, als die Kinder hereinkamen. Er kratzte sich das Kinn und strich sich den Schnurrbart.
»Wir werden es tun, Kinder«, sagte Mutter. »Wir lassen Deutschland hinter uns.«
»Das kann man nicht so ganz«, sagte Onkel Paul.

In der Nacht kletterte Theo aus dem Bett und schlich barfuß durch die Wohnung. Es war warm. Er setzte sich in den Lesesessel des Vaters, roch an seiner Tabakspfeife und fuhr mit dem Finger über die Buchrücken in der Regalwand. Vater war der einzige, der von Theos Nachtwanderungen gewußt hatte. Manchmal hatten sie sich zufällig vor dem Bücherregal getroffen, sich umarmt, sich angelächelt und schweigend geblättert. »Wo bist du?« flüsterte Theo. »Komm zurück, Papa.« Er dachte an Onkel Pauls Worte.
»Glaub diesen Pfaffen nichts, Theo, gar nichts. Pfaffen sind die einzigen Menschen, die man hassen sollte.«
»Man sollte niemanden hassen, Theo«, hatte die Mutter erwidert. »Und hasse niemals einen Menschen wegen seiner Religion.«

Theo schob die Vorhänge auseinander und sah auf die Straße hinaus. Eine Laterne brannte unter dem Fenster, sonst war nirgends ein Licht zu sehen. Theo sehnte sich nach einem Spaziergänger, hätte jetzt gerne jemanden die Straße hinabgehen sehen, aber die Straße war leer wie eine Theaterbühne nach Ende der Vorstellung, und in keinem anderen Fenster sah er jemanden die Vorhänge auseinanderschieben und hinaussehen.

Die nächsten Tage waren lang. Der Vater beobachtete Theo ununterbrochen. Silvia weinte oft. Die Mutter atmete tief und schnell, und Theo wußte, daß sie damit ihre Tränen unterdrückte. Im Wilhelm-Gymnasium an der Moorweide wichen seine Kameraden ihm aus, hielten im Gespräch inne, wenn er vorbeikam. Alles war anders, selbst das Atmen erschien ihm anders als sonst, er hatte sich nie so deutlich atmen hören. Die Leichtigkeit der Tage war dahin, Vater hatte Lücken hinterlassen, Löcher im Kopfstein, und manchmal war Theo, als taumele er und finde keinen Halt. Die Angst vor dem schlagfreudigen Griechischlehrer wurde ihm daheim nicht mehr durch einen Kuß oder einen Klaps auf die Schulter genommen, Streit mit einem Schulkollegen verpuffte nicht mehr nach wenigen Stunden, sondern ärgerte ihn tagelang.

Siebzig, einundsiebzig, Theo, sagte der Griechischlehrer, seien viele Väter für Deutschland gestorben. Ein deutscher Junge müsse das durchstehen und ein Beispiel geben.
Wenn seine Mutter in der Nähe war, versuchte Theo die Tränen zu unterdrücken, und das gelang ihm. Er hielt sie so lange hinter den Augen, bis er allein war, aber manchmal waren sie dann auch verschwunden, und Theo sah in den Badezimmerspiegel, wandte den Kopf nach links und rechts und sah nichts als Trotz unter zusammengezogenen Brauen. Er krabbelte nur in Mutters Bett, wenn er sicher war, daß sie fest schlief.

Eines Nachts fand Theo die Tür zum Elternschlafzimmer einen Spalt weit offen, Licht flimmerte senkrecht. Theo spähte hinein. Onkel Paul kniete vor der Mutter, die mit offenem Haar und gesenktem Kopf auf der Bettkante saß.
»Der Saukerl«, flüsterte Mutter. Sie hatte einen Stapel Briefe in den Händen. »Der Saukerl hatte mindestens zwei Geliebte.«
»Komm Elsa, wie sollen ausgerechnet wir darüber urteilen?« sagte Onkel Paul. Theo sah die Hände des Onkels in Mutters Nachthemd verschwinden, da wo die Brüste waren. Der Onkel schien mit den Händen zu arbeiten, jedenfalls bewegten sie sich heftig und zogen mit spitzen Fingern an etwas in der Mitte der Brüste, und Mutter begann schneller durch die Nase zu atmen.

»Er hat dich geliebt, Elsa. So wie du ihn liebst, und so wie du mich liebst, und so wie ich Agnes liebe und dich. Wir Mannlichers sind doch alle Erotomanen. Eros und Tod, das ist doch alles, Elsa. Das ist doch immer dasselbe.«
Was der Tod war, wußte Theo, was Eros war, wußte er nicht, trotzdem prägte er sich diese Formulierung ein. Eros und Tod. Bevor er ins Bett zurückstieg, schrieb er die beiden Wörter in sein Tagebuch. Die Mutter hatte ihm und Silvia Monate vor der Einschulung das Schreiben beigebracht.
»Erros und Tod.« Und was hatte Onkel Paul noch gesagt? Die Mannlichers seien Ottomanen? Theo notierte auch das. Ottomanen.