Leseprobe aus: Teori (Roman, 2000, dtv)

Georg hatte versucht, seine Vorstellungen und Erwartungen an Tahiti niederzukämpfen, aber es gelang ihm erst jetzt, da aus dem Abstraktum eine Insel wurde. Erwartungen waren geistige Kolonisierungen. Er wollte lernen, sie abzustellen. Er wollte Kultur und Bildung und das Abendland über Bord kippen, er wollte jetzt auf die Insel, wollte sich dort nackt auf den Boden werfen und fühlen und schmecken und hören. Und sehen.
Vom Strand stießen Kanus ins Wasser und wurden mit spitzen Rudern und pfeilschnell, wie es Georg schien, durch die Öffnung im Riff gesteuert. Cook hatte beidrehen lassen. Er wollte den Besuch der Tahitianer abwarten, bevor er Edgecumb die Fahrrinne in den Naturhafen ausloten ließ.
»Tayo! Tayo!« riefen die Männer in den Kanus. Georg sah sie lachen. Es waren schlanke, muskulöse Männer mit Tätowierungen auf Brust und Armen.
»Tayo!« schrien hundert Stimmen zurück. »Tayo.« Ein Wald von Armen winkte die Boote heran. Die Kanus versammelten sich am Heck der Resolution. Ein Insulaner reichte Cook eine Pisangpflanze hoch.
»Ein Friedenszeichen der Tahitianer«, erklärte Cook und ließ Korporal Gibson die Pflanze an den Wanten des Großmastes vertäuen. Die Pisang im Tauwerk war das Zeichen für die anderen Insulaner. Dutzende Kanus wurden ins Wasser geschoben, und nach wenigen Minuten waren die Resolution und die Adventure von schwimmenden Märkten umgeben. Durch jede Stückpforte, durch jedes Fenster und vor allem über die Reling wurden Brotfrüchte, Kokosnüsse, Pisang und frische Fische getauscht gegen Korallenketten, Nägel, Werkzeug und Kleider.
Georg lief in die Kammer hinab, um für einige Augenblicke allein zu sein, durchzuatmen und sich zu sammeln. Er öffnete das Fenster. Das Gesicht eines Tahitianers füllte die Öffnung aus. »Tayo«, sagte Georg und lächelte.
Der Mann sagte etwas und streckte mit hochgezogener Schulter den rechten Arm in die Kabine. Er hielt einen rosafarbenen Fisch in der Hand, machte die Augen groß und nickte. Georg nahm den Fisch. Er legte ihn aufs Schreibpult und putzte an den Hosenbeinen den Schleim von den Händen. Die leere Hand des Mannes wies auf Georgs Pflanzenzeichnungen, die an die Kabinenwand geheftet waren.
Georg löste die Zeichnung vom Neuseeland-Flachs von der Wand und reichte sie dem Mann, dessen Kopf im Fenster durch ein Wellental halbiert worden war und jetzt wieder hochkam. Der Mann lachte und verschwand mit der Zeichnung nach unten.
Georg streckte den Kopf so weit wie möglich aus dem Fenster. Aus jeder Öffnung der Resolution ragte eine Hand hervor, Insulaner sprangen von Kanu zu Kanu, taumelten mit ausgebreiteten Armen, ohne je in die Wasserspalten zwischen den Booten zu stürzen. Ein ideales Geschäft, dachte er, Nahrung gegen Papier, ein Fisch gegen eine meiner Zeichnungen.
Er sah Frauen mit langen schwarzen Haaren in den Booten stehen. Sie waren braun, mittelgroß und lächelten. Sie waren anmutig in ihren Überwürfen und wenn sie den Kopf zur Seite neigten, um die verwehten Haare zu packen und auf den Rücken zu streichen. Sie waren keine Fremdkörper in der Natur, so wie er und das Schiff. Die Frauen waren aus Wasser, Sonne und Palmen geboren. Sein Herz raste. Ein Kanu glitt an seinem Fenster vorbei, und für Sekunden war das Gesicht einer Frau nur Zentimeter von seinem entfernt. Schwarze Augen, gerader Nasenrücken, Schultern mit Sonnenglanz darauf, fremde Welt. ·>Mein Gott«, sagte er und sah der Frau hinterher. Es berührte ihn eigentümlich, dass die Frau dick war und ihr weicher Bauch weit mehr vorstand als ihre Brüste. Er wickelte den Fisch in einen Papierbogen und lief an Deck.
Es wimmelte von Menschen. Ratlos standen nur die Seesoldaten an den Niedergängen und bekamen rote Wangen, wenn eine Tahitianerin am Uniformstoff zupfte oder versuchte, einen der goldenen Knöpfe abzudrehen. Kokosnüsse rollten über die Planken, Saft ausgedrückter Früchte klebte, und Georg roch die Erde und die Pflanzen Tahitis. Hodges, Clerke, der Vater und Pickersgill standen auf dem Achterdeck. Sie lachten, einige hatten Pisangzweige im Gürtel, Hodges hatte eine Kette grellfarbener Blüten um den Hals und rote Blüten hinter den Ohren.
Die seien tatsächlich alle unbewaffnet, stellte Pickersgill fest. »Es würde nur wenige Tage dauern, diese Insel zu erobern. Dann wäre sie unser. Unser Tahiti. Teufel auch.« Georg fragte sich, wie ein Mann jetzt und hier auf solch eine Idee kommen konnte. Die Vorstellungen Pickersgills erschienen ihm so dumm, dass er nicht darüber streiten wollte. Clerke räusperte sich und machte ein Doppelkinn, Hodges schüttelte den Kopf, und Georgs Vater krauste die Stirn, als habe er nicht richtig gehört.
Eine junge Frau griff nach Georgs Händen und hielt sie in den ihren. Sie sagte etwas. Jedes Wort endete auf einem Vokal. Sie lächelte. Georg wurde rot. Die Frau rieb seine Hände und sah die helle Haut an, sie trat näher und öffnete die oberen Knöpfe seines Hemdes und streichelte seine Brust. Georg stand stocksteif. Aus den Augenwinkeln sah er Pickersgill und Hodges gebogen vor Lachen und Clerke mit ungeheuer hochgezogenen Brauen. Der Vater sagte nur Jaja, und das Mädchen sagte wieder etwas zu Georg. In seiner Aufregung hatte er alle Vokabeln vergessen, die Wallis und Cook auf Tahiti gesammelt hatten.
»Sie hat nach Ihrem Namen gefragt«, sagte Clerke.
»Georg.«
Die Frau sah ihn an. Ihr fragender Blick war ihm so bekannt wie jeder fragende Blick, leicht gehobene Brauen, Stirnrunzeln und ein winziges Zurücknehmen des Kopfes.
»Georg«, wiederholte er.
»Teori?«
»Georg.«
»Teori. Ah, Teori.« Sie tippte sich zwischen die Brüste. »Maroya.« Sie schloss ihn in die Arme, küsste ihn auf die Wange und lief zum Hauptdeck zurück.
Hodges reichte ihm die Hand.
»Oreo«, stellte er sich vor.
»Teori«, sagte Georg.
»Matara«, sagte der Vater und reichte Georg die Hand.
»Teori.«
Georg wies auf Hodges und sagte »Oreo«, sah Hodges an, wies auf den Vater und sagte »Matara«, und Hodges und der Vater schüttelten sich die Hand.
Vor der Nacht in der Dusky Bay hatte Georg nie die nackten Brüste einer Frau gesehen. Was in seiner europäischen Welt verborgen blieb, war hier Natur und nackt und feucht von Schweiß und Wasser. Die meisten Frauen trugen Lendenschurze, nur wenige hatten ihre Überwürfe an den Schultern verknotet. Später fragte er sich, ob er albern ausgesehen habe, als er mit stierenden Augen all die Brüste angeglotzt und vielleicht gar den Mund offen gehabt hatte. Die englischen Männer um ihn herum waren ebenso getroffen und guckten blöde. Entspannt waren nur die Tahitianer. Georg wusste nicht, ob sie die Blicke der Engländer deuten konnten, ob sie verstanden, was dieser für sie so alltägliche Anblick halbnackter Frauen für die Fremden bedeutete. Nichts war so schön wie eine Frau, das wurde Georg mit einem Windhauch klar. Nichts, kein Buch, kein Bild, kein Wissen. Alles versank im Anblick der Weiblichkeit, versank, wenn ein Kopf gedreht wurde und ein Wangenknochen Schatten warf, wenn eine schwarze Braue gehoben wurde oder Wasser von einer Brust tropfte. Georg wusste jetzt, dass Männer immer verlieren würden gegen Frauen, dass Männer die Tinte und Frauen die Federführerinnen waren.
Mitten in Lärm und Getümmel ging ein Stoß durch die Resolution, der Holz krachen ließ. Von einer Sekunde auf die andere war keine englische Stimme mehr zu hören. Männer erstarrten, Früchte, die aufgefangen werden sollten, flogen gegen die Masten oder zerplatzten auf den Planken. Cook erschien aus der Kajüte, wo er mit einem Vasallen geredet hatte. Dann ging alles sehr schnell, Clarke und Pickersgill brüllten Befehle, zwei Boote wurden weggefiert und mit Zugankern beladen. Cook starrte über die Bordwand und schlug mit der Faust auf die Reling. Die Resolution war von der Strömung auf das Riff gedrückt worden.
»Kein Wassereinbruch, Sir«, schrie jemand aus dem Unterdeck.
»Signal an die Adventure, Warnung und fertig machen zum Schleppen.«
Von den Booten winkte Edgecumb mit dem Hut, dass er Grund für die Schleppanker gefunden habe. Cook winkte zurück. Georg befürchtete, dass die Boote kentern würden, so weit neigten sie sich, als die Anker über das Dollbord gehievt wurden. Im letzten Moment aber sprangen die Boote wieder hoch und schaukelten im Wasser.
»Alle Mann an die Winden!«
Die Resolution knarrte, unter Deck krachte irgend etwas, und jemand schrie »Scheiße«. Als die Besucher begriffen hatten, was geschehen war, und sahen, wie sich die Männer mit gebeugten Rücken in die Winden stemmten und andere mit angespannten Muskeln darauf warteten, Segel zu setzen, drängten sie sich zu den Männern an den Winden und Schoten, um zu helfen. Das Schiff wurde von den Felsen freigezogen auf die Schleppanker zu. Die Pumpen arbeiteten.
»Mr. Clerke, schicken Sie die Gäste von Bord und danken Sie ihnen. Wir haben zu arbeiten«, sagte Cook mit rotem Gesicht. Die Resolution wurde aufs Meer hinausgezogen und kreuzte die ganze Nacht gegen den Wind, um von der Küste freizukommen.
»Da haben wir doch tatsächlich nicht aufgepasst«, sagte Clerke während der Nachtwache. An der Küste brannten Feuer, und ab und zu sahen die Männer ein Kanu im Lichtschein hinausfahren. Georg ließ sich vom Koch den Fisch braten, den er gegen die Zeichnung eingehandelt hatte. Das Fleisch war weiß und leicht. Georg dachte an Maroya.

Tahiti hat sich gewehrt, dachte er. Wollte uns nicht. Hätte beinahe unser Schiff aufgeschlitzt. Das war nicht die Vertreibung aus dem Paradies, das war die Verweigerung des Eintritts ins Paradies. Er stieg aus der Koje und öffnete das Fenster. Die Nacht war warm, das Wasser rauschte an der Bordwand entlang. Georg stellte sich eine Karte des Stillen Ozeans vor, auf der Tahiti das geographische Zentrum war. Die Insel lag beinahe in der Breitenmitte zwischen der Ostküste Australiens und der Westküste Südamerikas und war auf der Karte nicht mehr als ein winziger schwarzer Punkt. Georg war ein Punkt in der Masse Mensch, ein Punkt auf der Landkarte der Kulturen. Aber er wollte sich von jetzt an bewegen, er wollte sich absetzen, er wollte leuchten.
Am nächsten Tag erreichten die Schiffe den Hafen Aitepieha in der Matavai-Bucht im Norden Tahitis und gingen vor Anker. Es war heiß. Nach wenigen Minuten waren die Schiffe von Kanus umringt, und Eingeborene kletterten scharenweise an Bord. Hodges steckte sich Blumen in den Gürtel, hinter die Ohren und eine zwischen die Zähne, Clerke lächelte, wenn Insulanerinnen ihm Yams oder Kokos reichten, Pickersgill klopfte auf Hintern. Georg lachte die fremden Menschen an, verbeugte sich vor ihnen und sagte, er sei Teori
Seesoldaten liefen hinter Dieben her, eine Peitsche knallte, Tahitianer sprangen über Bord. »Immer diese gottverfluchten Diebereien«, hörte Georg Cook sagen. »Wie die Kinder. Da muss man irgendwann mal durchgreifen.«
Hodges hielt ein Stück Schiffszwieback gegen die Sonne. Man könne sehen, wie sich die Maden darin bewegen, sagte er zu Georg und schmiss den Zwieback über Bord. Aus der Jackentasche zog er einen Apfel.
»E-vie, sagen die Leute dazu. Und darin ist kein Zoo von Kleinsttieren.«

Georg fieberte der Landung entgegen. Cook hatte angekündigt, nachmittags den König O Tu von Nord Tahiti besuchen zu wollen. Der Kapitän nahm nur eine kleine Delegation mit an Land, Clerke, Pickersgill, Wales und einige Matrosen. Cooper stand fassungslos an der Reling. Eine Landung ohne Seesoldaten sei keine Landung, sagte er. Hodges klopfte ihm auf die Schulter und riet, doch mal bei einer der Nixen hier an Bord zu landen.
Er solle sich bloß in acht nehmen, sagte Cooper und stieß Hodges' Hand weg.
Georg beobachtete die Frauen, die nackt um die Resolution schwammen. Die Körper glänzten im Wasser, und wenn die Frauen sich auf den Rücken drehten, zeigten ihre Brüste in den Himmel. Konnte er davon den europäischen Frauen berichten? Und welche Worte, fragte er sich, hätte eine deutsche oder englische Frau jetzt gefunden für all die Nackten? Hätte eine Frau hier nicht viel mehr zu sagen und vor allem zu schreiben gehabt als er, ein jungfräulicher Sekretär, dem das Denken schwerfiel, wenn er all die Brüste anzustarren gezwungen war? Georg sah Seemänner sich die Hände vor die Augen schlagen. Einer taumelte, als werde er bewusstlos, und lehnte sich an den Großmast. Die Matrosen reichten Messer und Metallknöpfe von Bord, damit eine der Frauen sich ihnen hingebe. Dass Mädchen von höchstens zwölf Jahren mit dünnen Beinen darunter waren, hielt niemanden ab. Ein irrsinniger Tanz wurde vollzogen, und die Männer, die mit einer Frau an der Hand unter Deck verschwanden, hatten etwas in den Augen, das Georg zu verstehen und zu fürchten begann.
Er steckte die Hände in die Hosentaschen und erschrak, als seine Hände an etwas Hartes stießen. Er bekam rote Ohren, zog die Hände wieder hervor und verschränkte sie auf dem Rücken. Er sah zur Adventure. Die Bordwand war vor kletternden Körpern kaum zu sehen, unablässig hangelten Frauen und Männer an Strickleitern zum Deck empor oder schlüpften durch die Pforten. In den Wanten hingen Blumen und Pisangzweige, Frauen sprangen ins Wasser und winkten den Matrosen zu. Georg wollte schreien. Irgendwie musste er den ungeheueren Druck loswerden, der durch Augen, Ohren und Nase in seinem Kopf erzeugt wurde.
Er lief unter Deck und stieß die Tür zur Kabine auf Vaters nackter, pulsierender Hintern mit zwei kleinen braunen Händen darauf. Vaters Hose lag um die Füße, links und rechts vom Hintern waren braune Waden. Georg schloss leise die Tür. Eine Nackte rannte an ihm vorbei, ein Mann hinterher. Hühner gackerten, wurden zur Seite getreten und ließen Federn. Er hörte Lachen und ein lautes Grunzen. Alle Luken und Stückpforten standen offen, Wind wehte durch die Resolution. Georg senkte das Gesicht ins nächste Fass mit Frischwasser und atmete unter Wasser aus. Luftblasen gurgelten vor seinen aufgerissenen Augen vorbei.