WDR Buchtipp: ‘Von allen guten Geistern’
von Andreas Kollender
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"Alles, was wir schreiben, schreiben wir für das Herz. Für nichts sonst."
Andreas Kollender

Andreas Kollender, geboren am 25.9.1964 in Duisburg. Studium der Germanistik und Philosophie in Düsseldorf.
Nach dem Studium fünfeinhalb Jahre Kellner im legendären Cafe Gräfen in Duisburg.
Umzug nach Hamburg.
Reisen nach Asien, Nordafrika, Mittelamerika und durch Europa. Creative-Writing Lehrer in Hamburg.
Im Jahr 2000 erscheint "Teori", ein Roman über den Forschungsreisenden Georg Forster an Bord von Kapitän Cooks Resolution.
2001 "Der Todfeind" über den deutsch-amerikanischen Schriftsteller Theo Mannlicher.
2004 "Vor der Wüste", die Chronik einer Hamburger Völkerkundlerfamilie und Liebesgeschichte vor dem Hintergrund der Hamburgischen Südsee-Expedition.
Literaturpreis Ruhrgebiet 2004.

Das Bild malte Thomas Kus


VON ALLEN GUTEN GEISTERN - von Andreas Kollender

Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem  Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware. Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Er war kein Patient. Er war der Leiter. Am Abend des Tages lachte der Mann Fanny Nielsen an und sagte, es sei keine einzige Jacke übrig geblieben. Nicht eine. Er habe den Zwang verkauft. Fanny Nielsen, einer Schauspielerin, gefiel diese Formulierung. Sie  legte dem Mann eine Hand auf den Unterarm. Bald darauf kam es zu einem  Unglück.

Andreas Kollender hat sich beim Schreiben von dem historischen Ludwig Meyer  inspirieren lassen, einem kämpferischen Psychiater, der seiner Zeit  weit voraus war. Meyer, der die Wirren der 1848er-Revolution miterlebt  hat, lehnte jegliche Form der Unterdrückung ab und wollte die Welt nicht nur für seine Patienten besser machen. Kollender hat einen brillanten  Roman über einen humanen Reformer und dessen Leidenschaft für die  freiheitsliebende Fanny geschrieben.

Nach KOLBE gelingt Kollender mit VON ALLEN GUTEN GEISTERN der nächste große Wurf!

Andreas Kollender wurde in Duisburg geboren, studierte in Düsseldorf Germanistik und Philosophie und arbeitete nebenbei auf dem Bau, im Einzelhandel und in einer Szenekneipe. Seit 1995 lebt er als freier  Autor in Hamburg und leitet Kurse für literarisches Schreiben. Dazwischen immer wieder Reisen nach Nordafrika, Asien, Mittelamerika und Europa, die sich eindrücklich in seinen Romanen widerspiegeln.
2015 erschien bei Pendragon der Roman KOLBE, der 2017 als Übersetzung in den USA veröffentlicht wird.

Autorenfoto: © F.-Reinhold

Klappenbroschur, 440 Seiten,
PB, Euro 17,00
ISBN: 978-3-86532-575-4
Auch als eBook erhältlich.
LIEFERBAR.

zur kostenlosen Leseprobe


NDR Kultur über VON ALLEN GUTEN GEISTERN - 23.02.2017

Welcher Typ verkauft Zwangsjacken?

Von allen guten Geistern
von Andreas Kollender

Vorgestellt von Jürgen Deppe

Das Oeuvre des in Duisburg geborenen, seit Jahrzehnten aber in Hamburg lebenden Autors Andreas Kollender ist überschaubar. Und das, obwohl er schon seit mehr als anderthalb Jahrzehnten historische Romane  veröffentlicht. Sein letzter - "Kolbe" - war ein Riesenerfolg und wird  derzeit für den amerikanischen Markt auf Englisch übersetzt. Jetzt ist  mit "Von allen guten Geistern" gerade ein neuer Roman des Autors erschienen. Und der belegt einmal mehr: Gut Ding will Weile haben.

Hamburg-Chroniken als Inspiration
"Im Sommer 1864 verkaufte ein Mann Zwangsjacken. Es war heiß auf dem Marktplatz am Heiligengeistfeld vor den Toren Hamburgs. Die Menschen bestaunten seine seltsame Ware. Der Mann kam aus der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg. Er war kein Patient. Er war der Leiter." Buchzitat
Am Abend hat er seine "seltsame Ware" restlos verkauft. Seiner Angebeteten, der Schauspielerin Fanny Nielsen, wird er sagen, er habe den Zwang verkauft. Ihr gefällt dieser Satz. Er stammt von Andreas  Kollender. Die Figur selbst stammt nicht von ihm.

Historische Stoffe sind die Spezialität des 1964 in Duisburg geborenen Autors Andreas Kollender.
"Ich bin ja Wahl-Hamburger, sehr gerne Wahl-Hamburger", erzählt der  Schriftsteller. "Und weil ich diese Stadt so mag, blättere ich manchmal alte Chroniken durch, gucke in alte Hamburg-Bücher, lese hier und da mal was. Bei einer solchen Aktion bin ich auf einen Zeitungsartikel aus dem Sommer 1864 gestoßen, wo stand, dass Ludwig Meyer - Leiter der Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg - auf dem Heiligengeistfeld bei dem  großen Markt Zwangsjacken verkauft hat. Da habe ich mich gefragt: Was ist das für ein Typ, der Zwangsjacken verkauft? Und was sind das für  Menschen, die diese Jacken kaufen? Und von dieser Szene ausgehend habe  ich angefangen, den Roman zu schreiben."

Die erste Anstalt ohne Gitter
Einen Roman, wohlgemerkt, keine Biografie. Genau darin liegt die Stärke dieses Buches. Denn Kollender nimmt sich die künstlerische Freiheit, die historisch verbriefte Figur Ludwig Meyer, den Gründer der "Heil- und Irrenanstalt Friedrichsberg", zum Leben zu erwecken. Diesen Hamburger Kaufmannssohn in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der mit strenger Hand zum Nachfolger seines Vaters erzogen wird. Doch Ludwig schert aus. Er interessiert sich eher für die Psyche des Menschen und deren  Erkrankungen. Das umso mehr, als seine eigene Mutter seelisch erkrankt und - wie im 19. Jahrhundert üblich - aus der Öffentlichkeit entfernt  wird.
"Die sind weggesperrt worden im Krankenhaus in St. Georg, in irgendwelche schimmligen Keller. Und eigentlich hat sich kein Mensch um die gekümmert. Der Erste, der da mal richtig zugepackt hat, war jener Ludwig Meyer, der eine Zeit lang die Stelle im St. Georg übernommen hat, und  von dort aus Gelder gesammelt und für Sponsoren gesorgt hat, um in Friedrichsberg - da, wo heute die Schön-Klinik Eilbek ist - diese Anstalt zu bauen", erklärt Kollender. Es war die erste Anstalt ohne Gitter und mit genügend Freizeitangeboten für die  Patienten.

Ein Revoluzzer, aber kein Held
Man könnte Ludwig Meyer dafür zum erfolgreichen Sozial-Revoluzzer stilisieren, Andreas Kollender widersteht dieser Versuchung. Und zwar hervorragend. Stilistisch von ganz großer Kunst, aber auch inhaltlich: Er zeichnet einen Ludwig Meyer, der an den Leiden seiner Mutter leidet, der für die Freiheit kämpft - für die politische während der 1848er-Revolution genauso wie für die individuelle, der aber auch über sein Ziel hinausschießt, sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnt, der sich mit seinen Kollegen überwirft und so zum Opfer von deren Intrige  wird.
Auch Meyer ist - wie es der Romantitel sagt - "Von allen guten Geistern": "Er sagt ja in dem Roman ein, zwei Mal, dass er durch manch einen seiner Patienten mehr gelernt hat als durch einen hochgebildeten, wissenschaftlich arbeitenden Kollegen", meint Andreas Kollender.
Kollender gelingt es - mit notwendigem, aber nicht übertriebenem Zeit- und Lokalkolorit, überzeitliche Fragen aufzuwerfen: Nach dem Umgang mit psychisch Erkrankten und geistig Behinderten, nach gesellschaftlichen  Konventionen und individueller Freiheit. Bis heute ungeklärte Fragen. Ein starker Roman.


KOLBE - von Andreas Kollender

Fritz Kolbe ist ein vergessener Held und es gab ihn tatsächlich. Der spätere CIA-Chef Allen Dulles nannte ihn den wichtigsten Spion des Zweiten Weltkriegs. Kolbe brachte hochbrisantes Aktenmaterial aus dem Auswärtigen Amt in die Schweiz und leistete unter Einsatz seines Lebens Widerstand gegen das Nazi-Regime.

 

Sommer 1943: In Fritz Kolbe, Beamter im Auswärtigen Amt, reift die Überzeugung, dass nur eine militärische Niederlage die Schreckensherrschaft der Nazis beenden kann. Er schmuggelt streng geheime Dokumente aus der Behörde und bringt das brisante Material in die Schweiz. Darunter befindet sich auch der genaue Lageplan von Hitlers Hauptquartier. In Bern nimmt Kolbe Kontakt zu den Amerikanern auf und setzt sein gefährliches Doppelleben fort. Doch zermürbt von der ständigen Angst entdeckt zu werden, ist Kolbe kurz davor aufzugeben. Marlene, seine Geliebte mit Kontakten zum Widerstand, gibt ihm aber die Kraft weiterzumachen. Bis es zu einem folgenschweren Vorfall kommt.

In seinem Roman verbindet Andreas Kollender einfühlsam Fakten und Fiktion. Kollender setzt dem Widerstandskämpfer Kolbe ein literarisches Denkmal. Ein aufwühlender Roman mit Sogwirkung.

Originalausgabe
448 Seiten
Klappenbroschur, 13,5 x 20,6 cm
Euro 15,99 / 16,50 (A) / sFr 23,50
Pendragon Verlag
ISBN: 978-3-86532-489-4
WG 1121


Auch als eBook erhältlich